1 Die Rolle der DGD in der Informationsgesellschaft
1.1 Das gesellschaftspolitische Umfeld der DGD
Was hilft es, auf den eigenen Gedanken zu beharren, wenn sich die Welt um uns herum ändert. Johann Wolfgang von Goethe, Egmont
Gegen Ende des 20. Jahrhunderts befinden sich die wirtschaftlich entwickelten Länder als Dienstleistungsgesellschaften auf dem Wege zu Informationsgesellschaften. Zwar können alle Formen menschlichen Zusammenlebens (Gesellschaften) als Informationsgesellschaften bezeichnet werden, da der Austausch von Informationen konstitutiv für das Zusammenleben von Menschen ist. Was sich aber in unseren Zeiten geändert hat, sind die Formen und Werkzeuge, mit denen die Kommunikation betrieben, die Information vermittelt und Dokumente zugänglich gemacht werden.
These 1
Was zunehmend an Bedeutung gewinnt: Information ist ein Produkt und entwickelt sich weiter zum Faktor mit hohem materiellen und wirtschaftlichem sowie ideell-politischem Wert.
Formen und Inhalt der Information und ihrer Vermittlung sowie der Dokumentbeschaffung sind einem tiefen Wandel unterworfen, und das nicht erst seit dem Zeitpunkt, da mit dem Begriff "Multimedia", zumal im globalen Verständnis, neue Dimensionen eröffnet worden sind. Als sich nach dem Zweiten Weltkrieg die Informationslandschaft in pluralistisch geprägte Gesellschaften veränderte und dabei eine sich in Intervallen steigernde und stete Beschleunigung des Kommunikations- und Publikationsprozesses initiierte, hat sich die Deutsche Gesellschaft für Dokumentation (DGD) als Fachvereinigung für Informationsvermittlung, -wissenschaft und -praxis gegründet: In ihr fanden sich frühzeitig Fachleute zusammen, die die nutzerorientierte Vermittlung und Kommunikation in den Vordergrund stellten gegenüber der mehr auf Bestandsverwaltung und -vermittlung orientierten Dokumentation in Archiven und Bibliotheken.
Nicht zuletzt unter dem Eindruck der raschen Verbreitung des publizierten Wissens und der gleichzeitigen Notwendigkeit, Bildungschancen im demokratisch-pluralistischen Umfeld neu zu eröffnen, besonders aber unter dem Einfluß technologischer Innovationen, hat sich in den 60er und 70er Jahren das Aufgabenfeld Information und Dokumentation (IuD) erweitert (das auch Gegenstand diverser Programme von überregionaler Art war und noch ist). Stets ging und geht es darum, Infrastrukturen für die Dienstleistungen für Wissenschaft, Praxis und Öffentlichkeit, z. B. durch die Schaffung von Fachinformationszentren, zu optimieren und effektiver zu gestalten.
These 2
(zugleich Vision des Geschäftsführenden Vorstandes)
Die künftige Gesellschaft wird davon geprägt sein, daß
- Information als Produktionsfaktor, als strategische Ressource, anerkannt ist,
- die Unternehmen Information als notwendige Voraussetzung ansehen, um innovieren und ihre Wettbewerbsfähigkeit steigern zu können,
- Information Professionals als bedeutsame Berufsgruppe akzeptiert sind.
Information Professionals sind Fachleute, die Wissen und Informationen bearbeiten. Im klassischen Informations- und Dokumentationsprozeß haben sie die Aufgabe, Wissen, ggf. Dokumente, zu ermitteln, aufzubereiten und für die Benutzung (zur Gewinnung von Informationen) zur richtigen Zeit und am richtigen Ort rezeptionsfreundlich bereitzustellen. Die Entwicklung der Medien und der Übertragungskanäle, der Techniken und Methoden zur Wissensproduktion und -verbreitung, hat neue Einsatzbereiche geschaffen und damit eine umfassenderes Berufsbild notwendig gemacht. Information Professionals werden bereits auf der dem Informations- und Dokumentationsprozeß vorgelagerten Stufe, der Entstehung von Wissen, eingesetzt, um es für die spätere Gewinnung von Informationen mit den jeweils gegebenen technischen Mitteln und Verfahren (Formalstrukturierung, Inhaltskennzeichnungen) zugänglich zu machen. Und sie sind in den dem Informations- und Dokumentationsprozeß nachgeordneten Bereichen der Wissensanwendung bzw. -verarbeitung tätig, z.B. als Informationsberater oder in anderer Zuarbeitungs- oder Assistenzfunktion.
1.2 Die Auswirkungen auf Unternehmen und Arbeitnehmer
Innovation in der Technologie sowie in der Aufbau- und Ablauforganisation von Unternehmen und Institutionen hat entscheidenden Einfluß auf die herkömmlichen Berufsfelder und Arbeitsplatzumgebungen. Insbesondere Menschen, die professionell mit Wissen umgehen, es ermitteln, aufbereiten und vermitteln, also die klassische Klientel der DGD, werden sich auf grundlegend andere Informationsmedien und -kanäle einstellen müssen. Manche mögen die Veränderungen als Bedrohung ihrer beruflichen Identitäten empfinden, aber:
These 3
Für Unternehmer und Arbeitnehmer ergeben sich neue Chancen, sie müssen sich jedoch auch auf ungewohnte Risiken einstellen. Für die Bürger als Nutzer eröffnen sich neue Informationsmöglichkeiten, deren Wahrnehmung zur Zukunftsorientierung unerläßlich ist.
Es ergeben sich neue Berufsfelder und möglicherweise auch neue Aufgabenbereiche für Information Professionals. Die vermutete Entwicklung verlangt nach geeigneter Informationsinfrastruktur auf allen Fachgebieten sowie auf kommunaler und regionaler Ebene. Den Verantwortlichen für entsprechende Programme und Planungen in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik bietet die DGD ihre Mitwirkung an.
1.3 Was war, was ist und was sein wird
These 4
Formen und Inhalte - Berufsfelder und Werkzeuge von Dokumentaren, Archivaren und Bibliothekaren ändern sich in schnellerem Tempo als je zuvor.
Obwohl nach wie vor physische Dokumente wie Bücher und Zeitschriften, Schallplatten und andere Tonträger, Film, Video, Photographien u.a.m. die Realität prägen, hatte und hat die Entwicklung der Datenverarbeitung entscheidenden Anteil am innovativen Prozeß. Mit der Entwicklung leistungsstärkerer Rechner und vor allem erheblich erweiterter Speicherkapazitäten lassen sich Dokumente nunmehr nicht lediglich nachweisen (Referenzsystem), sondern die Dokumente können im Volltext gespeichert und online geliefert werden. Und es sind inzwischen nicht allein Texte, sondern multimediale Dokumente mit Ton und bewegten Bildern, die sich über die Computernetze weltweit abrufen lassen.
Für die Arbeits- und Aufgabengebiete der traditionellen Informationsfachleute - Archivare, Bibliothekare und Dokumentare - hat dies gravierende Auswirkungen. Von der Dokumentenseite her gesehen gilt es nun, physische und nicht-physische Medien zu erschließen. Weiterhin werden nicht nur Dokumente einer Medienart, also Texte, Bilder oder Tondokumente, sondern diese zunehmend multimedial in integrierten Dokumenten produziert, die nun auch formal und inhaltlich aufbereitet werden müssen. Hinzu kommt die Beschaffung von internen und externen Informationen. Die Digitalisierung und die Entwicklung von Standardisierungsverfahren wie SGML und HTML ermöglichen die Integration von verschiedensten Dokumentarten in einem Unternehmen oder einer Institution. Das bedeutet einerseits eine Verbesserung der Beschaffungsmöglichkeiten durch die Integration interner und externer Informationsquellen, andererseits ist damit aber auch ein erhebliches Rationalisierungspotential (Outsourcing, Endnutzerorientierung) verbunden, dem Information Professionals und andere Dienstleister unterliegen.
Die Integration von Dokumentenverwaltung und Informationsvermittlung, die durch die Digitalisierung wesentlich effizienter wurde, war nur ein, wenn auch wesentlicher Schritt zu diesen Entwicklungen und hat zwischenzeitlich den Informationsvermittler ins Zentrum betrieblicher Informationsflüsse gerückt. Mit zunehmenden Zugriffsmöglichkeiten des Endnutzers auf die Informationen wird die Arbeit des Informationsvermittlers als bloßer Lieferant von Fachinformationen tendenziell obsolet. Allerdings muß sich der Endnutzer diese Informationskompetenz erst aneignen, und bei gleichzeitig erheblich gesteigerter Menge an Informationen entsteht für den suchenden Nutzer das methodische Problem des Zugangs zur richtigen Information und der Recherche, vor allem aber der Bewertung der Qualität der Informationen. In Zukunft wird in den Unternehmen und Institutionen der Beratungsbedarf sowohl für den Aufbau rationeller und sinnvoller Informationsstrukturen und -abläufe als auch für die Beratung, Fortbildung und Schulung der Endnutzer wachsen.
These 5
Von der Informationsermittlung über die Informationserschließung zur Informationsvermittlung und -beratung: Qualität wird durch Qualifikation gesichert.
Die Qualität der Informationsdienstleistungen und -produkte wird durch die dokumentarischen Kenntnisse und Fähigkeiten der Information Professionals in den Bereichen Informationsmedien, Ordnungssystemen und Erschließungstechniken sowie durch ihre kommunikative Kompetenz bestimmt. Ihrer Aus- und Fortbildung gehört daher das besondere Augenmerk der DGD.
So ist nach den früheren Formen der Informationsvermittlung jetzt die Zeit der Informationsberatung gekommen, die als Katalysator die Kenntnis dokumentarischer Methoden und Analyseverfahren voraussetzt, um aus den vielen Nachweisen das Richtige oder das jeweilig Brauchbare herauszufiltern. Information ist Rohstoff und erhält erst durch die Aufbereitung ihren nutzerorientierten Wert in der Wertschöpfungskette. Es genügt nicht, "nur" zu recherchieren, sondern die Ergebnisse müssen bewertet werden. Dazu bedarf es professioneller Methoden, die von Dokumentaren und Informationsvermittlern weiterentwickelt werden müssen und die von ihnen eine noch stärkere Anpassung an veränderte Kunden- und Nutzerwünsche erfordern. Archivare, Bibliothekare und Dokumentare werden neben der Organisation und Vermittlung physischer Bestände im digitalen Zeitalter schnell, preiswert und nach Marktverständnis qualifizierte Informationsdienste aufbauen und anbieten.